Geh auf’s Ganze… …oder lass es sein!

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Geh auf’s Ganze… …oder lass es sein!

Ähnlich wie die traditionelle Linke fixiert sich das Bündnis und seine Anhänger_innen auf die Erscheinungsebene des Kapitalismus, wodurch deren Kritik, die „sich an bloßen Aspekten abarbeitet, […] unrichtig“ wird. (vgl. Schandl 1998: 2). Ein Blick auf die „Mobi-Videos“ verrät einem aber noch mehr! Das Immer-wieder- Hervorheben der Krise ist ein alter Trick der bürgerlichen Medien. Mit diesem Trick soll die Angst geschürt werden, dass Individuen wohl bald nicht mehr zum „Kreislauf des Warenverkehrs […] dazugehören“. Sie flüchten dabei nicht nur in „überindividuelle Zugehörigkeit zum Kollektiv, um der ständig drohenden Vernichtung seiner Existenz im Falle der Nichtverwertbarkeit zu entgehen“ (Gruber & Ofenbauer 1999), sondern auch in links-autonome Gruppen, um mit Gleichgesinnten seine Wut los zu werden, indem man auf den Zug der Empörten aufspringt.

Ich krieg die Krise!

Verfolgt man das Geschehen des sich internationalisierenden Kapitalismus, so lässt sich erkennen, dass in der Zirkulation nicht immer alles so zugeht wie man es gerne hätte, was sich im schlimmsten Fall in Krisen bzw. in den Krisenlösungsmodellen bemerkbar macht. Für manch einen mag gerade dann die(se) Krise recht kommen und schafft den Anlass den Kapitalismus zu kritisieren und „action against capitalism“ durchzuführen. Die Krise wird also zum Mittelpunkt einer Bewegung qua Ideologie und – ohne, dass die Anhänger_innen des M31 dies erkennen – zu einem Fetisch, der rückbildend wirken kann. Wie läuft das also ab? Bürger_innen haben Angst um ihr Auskommen, Angst aus dem Kreis derer herauszufallen, die dabei sind, die integriert sind. Das nutzen das Bündnis M31 und ihre Unterstützer_innen schamlos aus, sie nehmen die verschreckten Bürger_innen, ihre Angst im Bestehenden ums Bestehende und wollen sich an die Spitze setzen, ihnen ab jetzt – dem 31. März – ihre Ideen aufherrschen. Es lässt sich also eine Gruppe konstatieren, die wie eine Partei oder wie die gesellschaftlich etablierten Gewerkschaften eine reine Interessengruppe ist, die sich nur im Rahmen der Verhältnisse bewegt. Sie sind das, was Adorno einst bei Hegel entdeckte und kritisierte: Sie haben eine „Endlichkeit“ sich gesetzt und setzen lassen und sich – wie auch der Rest der Linken in Deutschland – gegenüber dem „Höheren“, der „Totalität“ untergeordnet. Hegel verlangte – im Gegensatz zu Adorno –, der einzelne Bürger solle vor der Wirklichkeit kapitulieren (vgl. Adorno,2003b: 786). Und genau das ist die bittere Realität der Linken und radikalen Linken. Sollte es sich nun bei dem besagten Bündnis immer noch um Kritiker_innen der politischen Ökonomie – Verhältnisse – handeln, so wäre zu hinterfragen, warum sie den ganzen Zirkus organisieren.

“Echte Demokratie” – das Grauen aller Kommunist_innen!

Clemens Nachtmann (2001) sagte einst richtig, dass die „Demokratie […]“ nur „[…] eine Staatsform ist, die alle Bürger und Bürgerinnen, in ihr ausgeschlossen sein von der Politik einbezieht.“ Dies „ […] bedeutet demnach nicht, dass selbstbewusste Individuen über die Einrichtung ihres Lebens selbst bestimmen, sondern das formale Waren-, Geld- und Rechtssubjekte darüber befinden, in welcher Verlaufsform den unhintergehbaren Sachzwängen der gesellschaftlichen Reproduktion Rechnung zu tragen ist“.

Trotz der Anmerkung des Bündnisses, Demokratie funktioniere nur ohne Kapitalismus, ist dies eine ambivalente Aussage, da die Demokratie erstens impliziert, dass es eine Staatsform ist, also im Rahmen der kapitalistischen Verhältnisse. Nun weiß aber auch jedes Kind aus dem Sozialkunde- und Geschichtsunterricht, dass Demokratie aus den zwei altgriechischen Wörtern Demos (Volk) und Kratia (Herrschaft) besteht. Dies spricht nicht gerade dafür, dass die direkte Demokratie etwas ist, was die große Emanzipation aufweist, da es immer mit Herrschaft verbunden ist. Ob die Herrschaft nun von einzelnen Parlamentarier_innen verwaltet wird oder von einem wütenden Mob, im schlimmsten Falle Volksmob, spielt dabei keine Rolle. Es ist und bleibt ein Verhältnis, dem es sich  entgegenzustellen benötigt.

Vernunft? Welche Vernunft?

Den Aufrufen zum Protest fehlt ein Maßstab für richtig und falsch, für gut und schlecht, sie haben keinen entwickelten Begriff von Moral. Allein dies könnte eine Grundlage für die Aussage, der Kapitalismus ist schlecht, das Falsche, liefern. Sonst bleibt ein Protest bei positivistischen Gestammel.

Jedoch, M31 verharrt in bürgerlichen Denkmustern und Kategorien, ist Teil der herrschenden und herrschaftsstabilisierenden Ideologie. Teil dieser von der positivistischen bürgerlichen Wissenschaft geformten Denkweise ist die Gleichsetzung von Vernunft und Verstand. In der Krise zeige der Kapitalismus seine „Unsinnigkeit“, ist etwa eine Argumentation der Aufrufe. Da zu viele Häuser wegen der unvernünftigen Prinzipien des Kapitalismus gebaut worden wären, müssten Menschen in den USA oder Spanien in Zelten leben, da sie sich die zu vielen Häuser nicht leisten können. „Unvernünftig“ bezieht sich also bei M31 nicht auf Vernunft, es meint dumm, eben unsinnig. Das zeigt die affirmierende Verwendung falscher Kategorien, der Begriffsapparatur des Positivismus, und somit die Reproduktion der bürgerlichen Ideologie durch M31. Dies steht aber der Verwirklichung von Freiheit der Menschheit entgegen. Emanzipatorisches Denken und somit auch Tun setzt einen Vernunftbegriff voraus, der nicht technischpraktisch ist wie der bürgerliche von M31. Jener Begriff würde ausdenken, dass „Vernunft aus sich selbst heraus sich will, ihre eigene Freiheit will, und zwar allgemein, d.h. für jedes Vernunftswesen“ (Zunke 2011: 18). Das ist moralisch. Richtiges Verhalten beruht nach Kant auf „freiem Selbstzwange“ eines jeden, es kann nicht durch einen äußeren Zwang begründet werden, ja dieser wäre gar moralisch-unmöglich, wie noch gezeigt wird.

Emanzipatorisches Denken ist moralisch, ein Denken autonomer Menschen, und bezieht sich entgegen des rein zweckrationalen Verständnisses der Bürger_innen von M31 auf einen nicht-empirischen Gegenstand, die zu befreiende Menschheit als richtige Allgemeinheit. M31 prangert des Elend in der Welt an, ohne letzlich erklären zu können, warum das Elend schlecht ist. Das Elend ist in den präsentierten Argumentationslinien nicht objektiv schlecht, sondern etwas, das viele Menschen nicht wollen. „Schlecht“ und „falsch“ unterliegen so einer Mehrheitsabstimmung, die beliebig ausgehen kann und das ist nicht tauglich für eine Ablösung der bestehenden Verhältnisse, sondern taugt allenfalls als Selbstbestätigung der Masse zum riot, zur Rancune.

Wünsch Dir was!

M31 klagt auch an, dass es in der bestehenden Welt nicht mehr auszuhalten sei, dass es kein bürgerliches Glücksversprechen mehr gäbe, an das die Warenhüter_innen zuversichtlich glauben könnten (wie etwa im Fordismus – als Willy Brandt Bundeskanzler war …Die Welt war jung und Deutschland ein Wort / Und Squash war noch gar kein Sport / Da machte Urlaub noch richtig Spaß / Und im Fernseh’n gab’s „Wünsch Dir was!“ …). Die Ums-Ganze-Aktivist_innen entpuppen sich als nostalgische Sozialdemokrat_innen. Daher folgt in der Klagelitanei auch die Sorge – nein: selbstverständlich Empörung! – über wachsende Unsicherheit für jeden einzelnen. Unsicherheit belaste alles, auch den Umgang der Menschen untereinander. Es gäbe also keine Sicherheit mehr, nurmehr permanentes Krisenmanagement – als wäre der Kapitalismus nie etwas anderes gewesen als tägliches Ringen um Selbsterhaltung und als wäre die soziale Sicherheit, die die SPD bot, nie etwas anderes gewesen als eine materielle Integrationspolitik des Wohlfahrtsstaates, da sie geeignet wie kaum etwas anderes war, die Massenproduktion des Fordismus durch zufriedene Massenbeschäftigte und deren Massenkonsum – den sie sich so leisten konnten – zu sichern.

„Der Bürger weiß nicht, was, nur, dass es grosso modo ohne ihn genauso geht. Solange er aber mit von der Partie ist, will er auch etwas davon haben, und wenn die anderen Bürger ihn dabei nicht stören, können sie das auch. Nagg will seinen Brei, ja sogar Pralinen, und er bekommt immerhin ein Stück Zwieback“ (Scheit 2008: 47f.).

Der Zwieback, den in diesem Zitat Nagg aus Becketts Endspiel stellvertretend für die Bürger_innen bekommt, steht im Staat des Fordismus für die materiellen Zugeständnisse des Keynesianismus, die die abhängig Beschäftigten integrierten. Und nur um diesen Zwieback geht es M31, nicht um mehr – denn etwas anderes wird nicht gesagt, wenn die Krise und die von ihr verstärkte Unsicherheit ein zentrales Argument gegen den Kapitalismus in seiner rezenten Ausprägung ist. Der schlanke, postmoderne Staat, den M31 als Ergebnis von Privatisierung und Deregulierung anklagt, bietet eben nur ein im Vergleich zur Moderne (zum Keynesianismus) um Wohlfahrt und Wohlstand verschlanktes Integrationsangebot. Doch das im Umkehrschluss aus der Klage über Deregulierung und Unsicherheit gut geheißene Integrationsangebot der Moderne ist stets nur ein Absichern des politischen und ökonomischen Systems als solches gewesen, mit Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus als strukturellem Zubehör (vgl.Grigat 1999: 10, 18). Über die Gut-Schlecht-Dichotomie bezüglich Privatisierung und Deregulierung affirmiert M31 das falsche Ganze.

Interessen, Bürgerlichkeit, Autorität, ML und Ums Ganze

„Sicherheit“ ist wie alles andere, was M31 so an Forderungen anführt, ein Interesse. Gemäß ihrer bürgerlichen Ideologie können sie positivistisch nur feststellen, dass das Elend schlimm sei, weil es eine Beschädigung der je einzelnen Bedürfnisbefriedigung der Mehrheit der Menschen sei. „Der kollektive Zwang zu einer Positivität, welche unmittelbare Umsetzung in Praxis erlaubt, hat mittlerweile gerade die erfaβt, die sich in schroffstem Gegensatz zur Gesellschaft meinen“ (Adorno 2003b: 793).

Der Kapitalismus ist also nicht objektiv schlecht, sondern „Verschwendung von Lebenszeit“, etwas, was man/„mensch“ nicht will. Über dieses man/„mensch“ wird dem subjektiven Interesse ein Allgemeines untergemogelt, „indem die Agitatoren der Revolution anfangen, dem von Leuten bekundeten eigenen Interesse ein „objektives Interesse“ oder gerne auch „vernünftiges Interesse“ [d.i. nicht unsinnig] entgegen zu halten, das sie entgegen ihrer Beteuerung eigentlich hätten oder haben sollten“ (Zunke 2011: 30). Das ist laut M31 ein vernünftiges Interesse an einer Abschaffung des Kapitalismus. Dies ist autoritäres Verhalten. Ein Verhalten von M31, das nicht weniger autoritär ist als das der Regierungen oder der EZB, gegen die doch demonstriert wird. So wird der in vielen Punkten richtigen Kritik von M31 der emanzipatorische Gehalt geraubt. M31 will sich gegen den Marxismus-Leninismus wenden, gegen den Staatssozialismus, das Alt-Linke. Tatsächlich reihen sich Ums Ganze aber voll in die Tradition des ML ein, der auch schon der Arbeiterklasse ein objektives Interesse aufherrschte. Im ML war das objektive Interesse das „Interesse der Arbeiter aller Länder am Zusammenschluss zum gemeinsamen Kampf für den Sieg des Sozialismus und Kommunismus im Weltmaßstab, das ein objektives, vom Bewusstsein der Arbeiter unabhängiges Interesse darstellt (zit. in Zunke 2011: 34). Bei M31 und Ums Ganze heißt das heute u.a. „internationaler Antinationalismus“. Die Arbeiterklasse – oder heute die Lohnabhängigen, etc. – wird so gleichsam zu einem Privatsubjekt mit Interessen hypostasiert. D.h., der Kampf um Befreiung kann M31 folgend nur in vom Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft gesetzten Rahmen stattfinden, sie machen sich und die, die ihnen folgen, zum Privatsubjekt, sprich zum Bürger, der sein Interesse auf Revolution anmeldet wie andere ihren Ferrari beim Straßenverkehrsamt. Damit ist der Kampf um Freiheit begrifflich, theoretisch wie somit auch praktisch am Ende, bevor er begann. Es geht nicht um eine gute Welt, realisierte Freiheit und Autonomie, nicht um Abschaffung von Herrschaft, sondern in der Begriffs- und Agitationswelt von M31 geht es um ein Ummodeln der Welt dahingehend, dass es der von ihnen definierten Mehrheit mehr Nutzen bringt. Genannt wird zwar das Ziel der Abschaffung des Kapitalismus (freilich nur als eine „Alternative“, nicht als das objektiv richtige!), allein erreicht werden kann es mit den Begrifflichkeiten und der unvollständigen und ziellosen Kritik von M31 nicht. Auch die SPD hat schließlich das Ziel des demokratischen Sozialismus im Parteiprogramm, was ist also das Neue bei Ums Ganze? Nichts anscheinend, denn es wird sich positiv auf Interessen bezogen, anstatt anstatt sie als von der falschen Gesellschaft formierte zu kritisieren. Die subjektiven Interessen des einzelnen sind ja bereits die wahren objektiven: Das Privatinteresse des oder der Bürger_in einen Job, mehr Lohn (oder überhaupt Lohn) zu haben, an Sicherheit und Verlässlichkeit von Zukunftsplanungen, etc. sind schon die einzig möglichen objektiven. Sie entsprechen der Gesellschaft, wie sie ist, sie sind notwendig.

„Diese wechselseitige Abhängigkeit ausgedrückt in der beständigen Notwendigkeit des Austauschs und in dem Tauschwert als allseitigem Vermittler. Die Ökonomen drücken das so aus: Jeder verfolgt sein Privatinteresse und nur sein Privatinteresse und dient dadurch, ohne es zu wollen und zu wissen, den Privatinteressen aller, den allgemeinen Interessen. Der Witz besteht nicht darin, daß, indem jeder sein Privatinteresse verfolgt, die Gesamtheit der Privatinteressen, also das allgemeine Interesse erreicht wird. Vielmehr könnte aus dieser abstrakten Phrase gefolgert werden, daß jeder wechselseitig die Geltendmachung des Interesses der andern hemmt und statt einer allgemeinen Affirmation vielmehr eine allgemeine Negation aus diesem bellum omnium contra omnesresultiert. Die Pointe liegt vielmehr darin, daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann, also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse der Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben. Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwert, worin für jedes Individuum seine eigne Tätigkeit oder sein Produkt erst eine Tätigkeit und ein Produkt für es wird“ (Marx 1974: 74).

Durch die Definition einer „vernünftigen“ Weltordnung über Interesse wird Vernunft zum Mittel der Bedürfnisbefriedigung der Privaten und Herrschaft bleibt notwendigerweise bestehen, die dann einfach pseudo-emanzipatorisch „echte Demokratie“ genannt wird. Es wird an die gesellschaftlich vermittelte Sinnlichkeit der einzelnen appelliert, sie sollen aus ihrem Mangelgefühl heraus gegen des Bestehende sein. Autoritär ist das, weil die Aufrufenden von M31 die Bewusstseine formieren wollen, sich dem objektiven Interesse ihres Standes als Lohnabhängige, Arbeitslose, Junge, etc. gemäß zu machen. Dies kann nicht in die Auflösung von Herrschaft führen, sondern nur in einen Austausch des herrschenden Personals. Ein autonomer, freier Mensch dagegen bildet sein Urteil „nach eigener Einsicht im Gegensatz zur Heteronomie, zum Gehorsam gegen fremd Anbefohlenes“ (Adorno 2003b: 786). Das wäre der freie Selbstzwang und die Freiheit des Menschen. Bedürfnisse hingegen, die in der bürgerlichen Gesellschaft eben als Interesse auftreten, sind gesellschaftlich bedingt, wie auch das empirisch-sinnliche Subjekt, an das sie gebunden sind. Konsequent wäre als Ergebnis solcher Kapitalismuskritik, die auf dieser empirischen Sinnlichkeit gründet, die Weltherrschaft erlangen zu wollen, statt der befreiten Welt. Diese immanente Logik solcher Kritik führte bereits zum Totalitären des ML im Osten.

Im Grunde findet sich bei M31 das Motiv wieder, das Bürger_innen dazu treibt Karriere zu machen. Die Demonstrierenden vom 31.03.2012 bleiben beim von Marx beschriebenen bürgerlichen Privatinteresse stehen. Dieses kann man nur in Konkurrenz zu anderen und mit der Inkaufnahme der Schädigung anderer durchsetzen. Bedürfnisse, die Menschen heute haben, können nur derart gewaltsam befriedigt werden. Nicht zuletzt daher ist der Aufruf zur Gewalt den M31-Aktionen immanent: Coole Tanzmusik untermalt in den Mobi-Videos kulturell konsequent die Bilder von Menschen, die sich im Kampf ums Privatinteresse die Köpfe einschlagen. Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht mein Gewaltausbruch.

Pseudo-Aktivität und das Ende der Geschichte

M31 bleibt Pseudo-Aktivität, eine „Praxis, die sich um so wichtiger nimmt und um so emsiger gegen Theorie und Erkenntnis abdichtet, je mehr sie den Kontakt mit dem Objekt und den Sinn für Proportionen verliert, ist Produkt der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen. Sie wahrhaft ist angepaßt: an die Situation des huis clos“ (Adorno 2003: 771). Durch die Degradierung der Vernunft zum Mittel der Bedürfnisbefriedigung gilt für die Aktivitäten von Ums Ganze und M31, was Adorno (ebd.) im Zusammenhang mit Pseudo-Aktivität nennt: „Die Substitution der Zwecke durch Mittel ersetzt die Eigenschaften in den Menschen selbst. Verinnerlichung wäre das falsche Wort dafür, weil jener Mechanismus feste Subjektivität gar nicht mehr sich bilden läßt; Instrumentalisierung usurpiert deren Stelle. In Pseudo-Aktivität bis hinauf zur Scheinrevolution findet die objektive Tendenz der Gesellschaft mit subjektiver Rückbildung fugenlos sich zusammen. Parodistisch bringt abermals die Weltgeschichte diejenigen hervor, deren sie bedarf.“ Ja, die Weltgeschichte bedarf des parodistischen Ums-Ganze-Bündnisses, um bruchlos weitergehen zu können. Das Ende der Geschichte ist tatsächlich nicht da.

Geht wählen!

Im Bestehenden ist es freilich richtig, quasi „lebensklug“, sich mit Forderungen nach mehr Einkommen, Sicherheit, Verlässlichkeit und Planbarkeit zu befassen, derartige Forderungen – Interessen eben – verknüpft mit dem Staat. Die Forderungen von M31 sind, da als Interessen artikuliert, untrennbar mit der in der Antike begonnenen Staatsbildung verwoben, heute mehr denn je „hängen alle Funktionen mit allem zusammen, und alle staatspolitischen Entscheidungen berühren unmittelbar das individuelle Schicksal“ (ebd.). Das ist moderne und auch postmoderne, vergesellschaftete Gesellschaft, ausgestattet mit diesem Übermaß an sozialer Kohärenz.

Auch Deregulierung, Globalisierung und Privatisierung änderten nicht viel am Vorhandensein des öffentlichen Wesens Staat, es wird freilich transformiert zum Wettbewerbsstaat. Der Staat nimmt seine Aufgaben jedoch schlicht anders wahr, auch Privatisierungen können „als Elemente staatlicher Planungspolitik verstanden werden, denn durch die Privatisierung durch den Staat wird der Markt in der Gesellschaft planmäßig als Steuerungsmittel eingesetzt“ (Grigat 1999: 9). Der Staat ist nicht verschwunden und er bleibt Adressat und Realisierungsagentur von Interessen wie jenen, die M31 formuliert, wenn auch das Leben der Individuen zugleich von „elementaren Vorgängen abhängt, die unterhalb der staatlichen Organisationsform im Kern der Gesellschaft selbst sich abspielen“ (Adorno 2003c: 290).

„Darum ist in Wahrheit die Aufforderung zur Teilnahme an staatlichen Dingen nicht so leer, wie sie in den Ohren der Menschen klingt. Vom Bewuβtsein der Notwendigkeit, ihren Staat selber zu formen, wird schlieβlich in der Tat ihr eigenes Schicksal abhängen. Die Lethargie dem Staat gegenüber ist keine Naturqualität, sondern wird zergehen, sobald dem Volk vor Augen steht, daβ es wirklich selber der Staat ist und daβ dieser kein spezialistisches Ressort der Politik bildet, das Fachleute für den Rest der Menschheit verwalten sollen. Um dieses lebendige Bewuβtsein zu kräftigen, kommt es vor allem darauf an, Einsicht in die wahren Zusammenhänge zwischen dem öffentlichen Wesen und dem individuellen Schicksal zu erwecken“ (ebd.).

Ums Ganze und die Akteur_innen von M31 stünde es bei der Art ihrer „Kritik“ somit gut zu Gesicht sich zum Staat als das Ressort zu bekennen, in dem ihre Interessen aufgehoben sind, statt nach seiner Abschaffung zu bellen. Wer gegen den Kapitalismus lediglich seine Interessen in Anschlag bringt kann nicht mehr als Reformen erwarten, die im Sinne seiner Interessen seinen individuellen Nutzen mehren. Emanzipatorisch ist das nicht, aber notwendig im Kampf um Selbstbehauptung innerhalb der eigenen Endlichkeit, auf die sich M31 beschränkt. Diese Endlichkeit unterwirft der Wirklichkeit sich wie die Bürger_innen einem Höheren, das das Bestehende ist. Das macht die unfreiwillige Bedingtheit von politischem Handeln aus, will man nicht sterben. Dieses Handeln im Hier und Jetzt ist notwendige Folge der Einsicht in die Zusammenhänge zwischen dem eigenen und dem öffentlichen, staatlichen. „Vernünftig“ nennt dies aber nur die Begriffswelt des Positivismus und von M31, wie auch Hegel: „Der ist, nach Hegels autoritärer Weisung, seiner Vernunft wahrhaft mächtig, der nicht bei ihrem Gegensatz zu Bestehendem, Seiendem verharrt, sondern darin die eigene Vernunft wiederfindet“ (Adorno 2003b: 786). Dieser autoritären Weisung hat sich M31 angeschlossen – seid also konsequent und geht wählen, statt es Kritik zu nennen!

Denken!

Kritik, Vernunft, Moral und emanzipatorisches Tun suchen richtige Begriffe, sind ein Abarbeiten an Begriffen, Kategorien – sind Theorie. „Denken ist ein Tun“, „eine Gestalt von Praxis“, es ist „immanent bestimmt und stringent, und gleichwohl eine unabdingbar reale Verhaltensweise inmitten der Realität“ (Adorno 2003: 761). Und nur im Denken ist Freiheit vorstellbar.

„Daβ der Wunsch ein schlechter Vater des Gedankens sei, ist seit Xenophanes eine der Generalthesen der europäischen Aufklärung, und sie gilt ungemildert noch gegenüber den ontologischen Restaurationsversuchen. Aber Denken, selber ein Verhalten, enthält das Bedürfnis — zunächst die Lebensnot — in sich. Aus dem Bedürfnis wird gedacht, auch, wo das wishful thinking verworfen ist. Der Motor des Bedürfnisses ist der der Anstrengung, die Denken als Tun involviert. Gegenstand von Kritik ist darum nicht das Bedürfnis im Denken sondern das Verhältnis zwischen beiden. Das Bedürfnis im Denken will aber, daβ gedacht werde. Es verlangt seine Negation durchs Denken, muβ im Denken verschwinden, wenn es real sich befriedigen soll, und in dieser Negation überdauert es, vertritt in der innersten Zelle des Gedankens, was nicht seinesgleichen ist. Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maβ des subsumierenden Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug, es wäre bloβ Exemplar. Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.“ Adorno, Selbstreflexion der Dialektik. (Negative Dialektik)

ZUFLUCHT VOR DER TOTALE

gruppe mikrologische aktion

Quellen

Adorno, Theodor W. (2003): Marginalien zu Theorie und Praxis. In: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte. (=Gesammelte Schriften 15.2). Frankfurt am Main, S. 759-782

Adorno, Theodor W. (2003b): Kritik. In: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte.
(=Gesammelte Schriften 15.2). Frankfurt am Main, S. 785-793

Adorno, Theodor W. (2003c): Individuum und Staat. In: Vermischte Schriften I. Theorien und Theoretiker, Gesellschaft, Unterricht, Politik. (=Gesammelte Schriftenn 20.1). Frankfurt am Main, S. 287-292

Funny van Dannen: Als Willy Brandt Bundeskanzler war (Liedtext)

Grigat, Stephan (1999): Markt und Staat in der Globalisierung. Zur Kritik eines falschen Gegensatzes. http://www.cafecritique.priv.at/pdf/markt.pdf, zuletzt aufgerufen am 27.03.2012

Gruber, Alex und Tobias Ofenbauer (1999): Fetischistischer Antikapitalismus. Über den strukturellen Zusammenhang von verkürzter Kapitalismuskritik und Antisemitismus. Abgeändert erschienen in: Streifzüge 1/1999, http://www.cafecritique.priv.at/fetantikap.html, zuletzt aufgerufen am 28.03.2012

Marx, Karl (1974): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Berlin

Nachtmann, Clemens (2001): Der Alptraum der direkten Demokratie, Vortrag, gehalten in Wien am 27.4.2001, http://www.cafecritique.priv.at/mp3/direktdemokratie1.mp3, zuletzt aufgerufen am 28.03.2012

Schandl, Franz 1998: Jagt die Spekulanten! Schlagt sie tot! Redundantes über die aktuellen Entgleisungen einer Sorte Antikapitalismus; in: Streifzüge, Nr. 3/1998

Scheit, Gerhard (2005): Der neue Behemoth und die alten Grenzen des Liberalismus. (Bahamas 48/2005)

Scheit, Gerhard (2008): Becketts Endspiel und King of Queens. Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen. In: Lederer, Karin (Hrsg.): Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie – vom Tatort zur Matrix. Berlin, S. 29-83

Zunke, Christine (2011): Es gibt nur einen vernünftigen Grund, Freiheit gesellschaftlich verwirklichen zu wollen: Moral. In: Ellmers, Sven und Ingo Elbe (Hrsg.): Die Moral in der Kritik. Ethik als Grundlage und Gegenstand kritischer Gesellschaftstheorie.

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