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Ein Dialog zur Demonstration M31 2012 in Frankfurt a. Main

A

Ich möchte zunächst mit meinen unmittelbaren Eindrücken beginnen, der spontanen Regung und der Frage: Gibt es eigentlich einen Grund zur Empörung? Mit Rückblick auf den gestrigen Tag – 31. März – lässt sich das mit einem mehr als deutlichen JA beantworten. Empört über ein Kollektiv, eine Verbrecherbande, die sich als kommunistisch/ anarchistisch versteht.

Was von diesem Mob ausging war eine pogromartige Gewaltorgie. Völlig enthemmt wurden Steine und Feuerwerkskörper auf Menschen(!) – ja auch Polizisten sind nur Menschen – geworfen. Doch die Wurfgeschosse wurden auch dazu genutzt um Banken, Geschäfte und Fahrzeuge zu entglasen, die in den Augen der Täter_innen als die zu bekämpfenden Feindbilder – das (raffende) Kapital – Geltung haben. Das ganze erinnerte einen eher an die Pogromnacht, in der Juden und Jüdinnen, jüdische Geschäfte, Syngogen und andere jüdische Institutionen Opfer kollektiver Gewalt wurden. Natürlich möchte ich nicht die Reichspogromnacht und gerade die Shoah verharmlosen und für andere Mittel gebrauchen; die Parallelen sind jedoch verblüffend. Für die Nazis waren es die Juden, für die Linken Bänker_innen bzw. Banken und Geschäfte? Doch nicht nur die Tatsache des Ausmaßes der Gewalt, sondern auch der Anspruch, man nutze die Gewalt für das gute, zeigt, dass das gesamte Bündnis und seine Helfer_innen nicht im geringsten emanzipatorisch sind und eher für eine „Kulturrevolution“ ala Mao zu gebrauchen sind.

B

Mir scheint der Eindruck der Gewalt und das unklare Verhältnis der Aktivist_innen zu ihr zentral zu sein. Ich möchte hier nun versuchen sie etwas einzuordnen, nicht minder bewegt vom Erfahrenen.

Marx schrieb zur Gewalt: „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht“ (Karl Marx: Das Kapital. Band 1. Siebenter Abschnitt: Der Akkumulationsprozess des Kapitals. MEW 23, S. 779, 1867). Gewalt ist also ein Mittel für eine totale Veränderung, für ein Brechen der bürgerlichen Staatsmaschine. Die „bürokratisch-militärische Maschinerie”, sei, „statt sie aus einer Hand in die andere zu übertragen”, zu „zerbrechen” (Marx an Kugelmann, 12. April 1871). Für eine kurze Phase, schreibt später Adorno, mag Gewalt „ der allzu abstrakten und illusionären Hoffnung auf totale Veränderung“ noch gerecht erschienen sein. Doch diese „ist nach der Erfahrung des nationalsozialistischen und stalinistischen Grauens und angesichts der Langlebigkeit totalitärer Repression unentwirrbar verstrickt in das, was geändert werden müβte“ (Adorno, Marginalien zu Theorie und Parxis 6). Er ruft hier, angesichts des stattgefundenen Rückfalls in die Barbarei, dazu auf mit der Gewalt als Mittel zu brechen, da sonst „die vermeintlich radikale politische Praxis […] das alte Entsetzen“ erneuere (ebd.).

Das ist die Kernannahme, die die hier gewählten drastischen Worte motiviert. Gewalt hat ihre emanzipatorische Möglichkeit, so klein und falsch sie auch je war, durch die totale vollends verloren. Sie auszuüben wurde durch das real eingetretene Entsetzen denunziert. Schon für die ApO konstatierte Adorno (ebd.), was heute noch gilt: Wer sich der rohen sinnlosen „autonomen“ Gewalt nicht hingibt, mitmacht, wird zum Reformisten abgestempelt. Das Neue an M31 ist, dass reformistische Forderungen kombiniert werden mit dem Ausüben von Gewalt oder zumindest dem Verständnis der Oberkader von „Ums Ganze“ für die „Wut der Leute“. Die, die zum Szene putzen angetreten sind, tragen zum Fortleben der schlechten Praxis bei.

Die Antwort auf die in der Gesellschaft herrschende Gewalt, die durch allerhand Verträge und unter der Geltung des Rechtes eskamotiert ist, kann nicht blinde und gewaltsame Praxis sein. Zur Gewalt hingegen führen aber doch jene Organisationen, die antreten um ihre Interessen und die ihrer Protegés durchzusetzen. Anhänger_innen solcher Massenorganisationen sind bereit sich selbst als Individuum durchzustreichen und sich diesen größeren Mächten zu überlassen, da sie einzig von der Größe der Organisation noch etwas versprechen. Die ihrem Stand in der Bürgergesellschaft gemäß gemachten „objektiven Interessen“ – also die „natürlichen“ Interessen derer, die ausgegrenzt und ausgebeutet werden – sind das Integrierende der Organisation („Bewegung“). Diese tritt im Namen des Interesses zur Herrschaft an um sich gegen andere, Gegner_innen, gewaltsam durchzusetzen, schlussendlich dann wohl doch, indem man Staat und Gesellschaft kommandiert. Die Selbsterhaltung ginge so in Gewaltherrschaft, in Selbstzerstörung der Individuen, über, würde der Weg zu Ende gegangen. Jedoch, dies wird wohl nicht geschehen und so zeigen sich nur das Lamento, die Wut und Empörung, das Banken- und Brautgeschäfte-Smashen, kurz der fade linke „Alltagswiderstand“ und die Proteste mit dem althergebrachten Besteck reaktionären Antikapitalismus. Angesichts der anderenfalls drohenden Konsequenz ist das noch harmlos.

Der schuldhafte Reformismus dagegen könnten den bestehenden Interessen der zur Selbsterhaltung gezwungenen Individuen im Alltag tatsächlich helfen, anders als aufgeblasene falsche „Kritik“, die doch nur Straßensport ist. Das fordert jedoch ein sich Einbekennen, dass alltägliche Verbesserungen und die Erfüllung von Bedürfnissen heute voraussetzen, sich auf die von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und die von ihr gegebenen Mittel einzulassen. Streik und Protest sind Politik, Streikrecht ist staatlich garantiertes Recht und somit Teil der tauschvermittelten Reproduktion der ursprünglich gewaltbegründeten Verhältnisse, es ist Weitermachen. Doch es ist eine notwendige Form des Weitermachens, Verzicht auf die Realisierung empirisch-sinnlicher Bedürfnisse und daraus bestimmter, gesellschaftlich vermittelter Interessen wäre irrational. Das führt zur Interessensvertretung, die jedoch bereits vom bürgerlichen Recht konstituiert ist. Sie kann über diesen Rahmen nicht hinausweisen und bleibt dadurch Teil des Falschen. Im Falschen verheißt sie dem Individuum gleichwohl den einzigen Schutz. Bündnisse, wie die von M31 und Ums Ganze sollten hier ansetzen, wollen sie jetzt etwas bewegen – Politik machen, statt den sturen Weg in die Gewalt zu gehen. Dazu muss man das übliche Dilemma aushalten, das zwischen notwendigen Interventionen (Politik im eben skizzierten Sinne) und umfassender Kritik in Zeiten verstellter Praxis besteht.

  1. Ich soch ja immer: „haubdsach a Ärberd!“ Kommentar verfassen
  2. Geh auf’s Ganze… …oder lass es sein! Kommentar verfassen